Evangelisches Diakonissenhaus Bethlehem

Jahresfest-Predigten

Predigt zum 181. Jahresfest am 13. Oktober 2018

Pfarrer Theo Berggötz, Karlsruhe

Psalm 103, 2


Liebe Schwestern, liebe Festgemeinde,

heute auf den Tag genau sind es 50 Jahre, dass hier die Einweihung des neuerbauten Diakonissenhauses Bethlehem in der Nordweststadt Karlsruhe gefeiert wurde. Es war der 13. Oktober 1968. Damals wurde das 131. Jahresfest begangen. Ein halbes Jahrhundert mit all seinen Entwicklungen und Veränderungen, mit seinen Chancen und Belastungen und Herausforderungen liegt zwischen damals und heute. So feiern wir heute das 181. Jahresfest. Selbst die Ältesten unter uns können gerade mal die Hälfte dieser langen Zeit des Diakonissenhauses Bethlehem mit ihrer Lebenszeit abbilden. Was für eine reiche und schwere, belastete und gesegnete Zeit!

Da halten wir inne und wir feiern. Und wenn Christen feiern, dann danken sie Gott, dem himmlischen Vater, und ihrem Herrn Jesus Christus, dem König ihrer Herzen. So bedenken wir jetzt staunend den Psalmvers 103,2:
Lobe den HERRN meine Seele und vergiss nicht, was er Dir Gutes getan hat.
Nicht vergessen! Das heißt: aufmerksam leben und erinnern.

Es braucht solche Aufmerksamkeit im je eigenen Leben. Und es braucht Aufmerksamkeit, ein solches großes Werk gelebter Nächstenliebe und Jesusliebe wahr zu nehmen. Wo wir aufmerksam leben, halten wir immer wieder inne. Wir schauen, was gewesen ist und bringen dies vor Gott, so wie Sie es in den Gebetszeiten seit Jahrzehnten tun. Dann weitet sich auch der Blick. Dann bleiben wir nicht im Moment und Augenblick, sondern wir ordnen ein und entwickeln. Wir entdecken Linien des Segens und der Führung Gottes. Wir deuten und verstehen in einem weiteren Horizont von Gottes Handeln unser Leben und eben auch dieses Werk. Wer so aufmerksam wahrnimmt und lebt, der staunt: Was hat Gott hier Gutes getan!

Tausende von Schwestern und Mitarbeitenden haben in den vielen Jahren ihre Gaben, mit denen Gottes Geist sie beschenkt hat, entfaltet. Wie vielfältig haben so viele Felder die Pflanzen der Menschenliebe und der Jesusliebe getragen! Durch diese Früchte haben so viel Tausende ihre Impulse erhalten in ihrer Ausbildung als Erzieherinnen oder wie es früher hieß, als Kindergärtnerinnen. Und es waren unzählbar viele, die als Kleinkinder und Kindergartenkinder in diesen besonderen Gärten von den Früchten genießen durften. Und wie viele sind selbst zum guten Land und zur schönen Blume der Menschenliebe und Jesusliebe geworden. „Da kann man nur staunen über Gott und über die Wunder, die er tut, einfach nur staunen.“

Ich habe dieses Lied entdeckt, als unsere Tochter und Schwiegersohn mit unserer damals einjährigen Enkeltochter Hannah nach Karlsruhe gezogen sind, ganz in unsere Nähe. Dabei sind unsere Kinder – auch der Sohn – keine Nesthocker gewesen. Sie lebten 7 bzw. 10 Jahre lang an unterschiedlichen Orten in Deutschland und im Ausland. Und dann hat es mich so glücklich gemacht zu erleben, wie sie Freude hatten, uns nah zu sein. Und ich habe mich so ganz wiedergefunden in diesem ersten Vers:

Wieviel schöne Stunden hat mir Gott bis jetzt geschenkt,
wieviel gute Jahre, wie viel Liebe.
Wieviel Hilfe konnte ich in kleinen Dingen sehn,
wüsste nicht, wo ich alleine bliebe.

Nächste Woche wird Hannah 6 Jahre alt. Vorhin hat sie mir noch stolz erzählt: „Opi, ich muss nur noch sechs mal schlafen. Dann hab ich Geburtstag.“ Sie geht mit großer Freude mit ihrer vierjährigen Schwester Magdalena, die schon bei uns im Diak geboren wurde, in den evangelischen Kindergarten zu einer Erzieherin, die hier in Bethlehem ihre Ausbildung gemacht hat. Und die dritte im Bunde, die fast zweijährige Rebekka, kann nicht verstehen, warum sie nicht auch schon dort bleiben darf, wenn sie morgens hineinschnuppert in diesen Kindergarten. Da sehe ich die Segensspuren! Und ich kann nur staunen über Gott und über die Wunder, die er tut, einfach nur staunen. Und so spreche ich mit: Lobe den HERRN meine Seele und vergiss nicht, was er Dir Gutes getan hat!

Im zweiten und dritten Vers dieses Lieds wird unser Blick dann auf Lebenserfahrungen gelenkt, die wir auch erinnern:

Wieviel Engel wurden wohl für mich schon losgeschickt,
wieviel Druck hat Gott von mir genommen.
Wieviel Trost fand ich bei ihm in Zeiten schwerer Not.
Wieviel Zuspruch habe ich bekommen.

Wie oft habe ich gezweifelt, wie oft hinterfragt,
wie oft fast den Glauben aufgegeben.
Wie oft wurde ich beschämt und wie oft überrascht.
Gott ist gut und ihm gehört mein Leben.

Wollten wir nur das Schöne und Gelungene betrachten – es wäre am Ende oberflächliches „Erfolgschristentum“. Dabei sind wir mit unserer Jesusliebe unterwegs in seiner Nachfolge. Dazu gehört auch die Erfahrung des Kreuzes. Dazu gehört auch Angst und Zeiten schwerer Not, Mühen und Belastungen und Zweifel. Manchmal bleibt einem auch Verzweiflung nicht erspart. Das alles ist auch dem Evangelischen Diakonissenhaus Bethlehem und seinen Trägerinnen und Verantwortlichen nicht fremd. Darum sprechen wir an diesem Festtag staunend: Lobe den HERRN meine Seele und vergiss nicht, was er Dir Gutes getan hat. Er hat seinen „Geschickten“ – das ist die Ursprungsbedeutung unseres Fremdwortes „Engel“ – losgeschickt, hat Druck von uns genommen. Er hat getröstet und Mut gemacht. Er hat gestärkt und wir haben Zuspruch bekommen.

Ein letzter Gedanke nimmt ernst, dass auch das Sterben zu unserem Leben gehört. Auch das vergessen wir nicht, blenden es nicht aus. Ich erzähle Ihnen von einem katholischen Klinikseelsorger-Kollegen. Er schreibt von seiner behinderten Tochter Johanna:
„Am 3. Mai starb meine schwerbehinderte Tochter Johanna. Sie wurde 26 Jahre alt. Mir blieben nach einem Herzstillstand noch 5 Stunden, um am Bett von „meinem Kind“ Abschied zu nehmen. Nachdem Johannas Mutter vor zwanzig Jahren gestorben war und die beiden jüngeren Geschwister von Johanna bereits aus dem Haus sind, habe ich mit keinem Menschen länger zusammen gelebt. Alles ist seit diesem Mai anders geworden.“
Der Vater beschreibt dann ausführlich die Behinderungen, die Mühen und Demütigungen, die sie erlebt haben, und berichtet weiter: „Johanna litt unter den Einschränkungen ihres Lebens und den Begleiterscheinungen ihrer Erkrankungen. Aber sie war zutiefst glücklich und lebensfroh.“ Dann stellt er fest: „Heute ist mir bewusster denn je, dass mich kein Mensch vorbehaltloser geliebt hat, dass mir niemand bedingungsloser vertraut hat als sie. Ich trauere genau um den Menschen, den ich 26 Jahre um mich hatte und der mir manche sorgenvolle Stunde bereitet hat. Ich bin mir heute bei manchen Wirklichkeiten von Johannas Leben nicht mehr so sicher, ob sie in ihrem Dasein Mangel oder Reichtum waren.“

Wenn wir heute feiern, dann feiern wir nicht lustig und arglos. Wir erinnern auch das Schwere. Wir erinnern auch das Leiden und Sterben. Wir erinnern uns an die, mit denen wir gelebt haben, auch an die, die es so viel schwerer gehabt haben.  Die Gedanken von Johannas Vater lassen mich darum fragen: Ist es dran, unsere schweren Erfahrungen gerade auch mit Kranken, Behinderten, Bedürftigen noch einmal genauer anzuschauen? Entdecken wir in manchen Begegnungen die von Gott Geschickten, also seine Engel, die auch schwach sein können und krank? Lassen sie unser Leben zu einem besonderen Klang werden, wenn wir sie und die sorgenvollen Stunden annehmen? Dann klingt dieser Psalmvers noch voller, tiefer und berührender: Lobe den HERRN meine Seele und vergiss nicht, was er Dir Gutes getan hat.
Amen.

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